Wenn wir Menschen erzählen, dass wir während unserer Umbrienwochen historische Rezepte kochen, bekommen wir oft ähnliche Reaktionen. Viele stellen sich eine rustikale Küche vor: große Fleischstücke, grobes Brot, viel Bier und wenig Raffinesse. Das Bild vom Mittelalter wird bis heute erstaunlich stark von Ritteressen, Burgschänken und allerlei Folklore geprägt. Irgendwo spielt ein Dudelsack, auf dem Tisch liegt eine Hühnerkeule und spätestens nach dem zweiten Krug Bier wird laut gegrölt.
Mit der historischen Realität hat das allerdings ungefähr so viel zu tun wie ein Western mit dem heutigen Leben in Texas.
Seit vielen Jahren beschäftigen wir uns mit historischen Quellen, Kochbüchern und Rezepten aus den Küchen des italienischen und französischen Hochadels des 13. und 14. Jahrhunderts. Für unsere früheren Seminarwochen haben wir lange recherchiert, alte Rezepte ausgewertet, Zutaten gesucht, ausprobiert, verworfen und neu interpretiert. Manche Gerichte gelangen auf Anhieb, andere verlangten mehrere Anläufe. Gelegentlich diskutierten wir länger über eine Gewürzmischung als über das eigentliche Tagesprogramm. Nach und nach entstand dabei ein Bild, das mit den üblichen Vorstellungen vom Mittelalter nur wenig gemeinsam hatte.
Die größte Überraschung für viele Teilnehmer war die Raffinesse dieser Küche. Wer heute das Mittelalter vor allem mit Einfachheit verbindet, rechnet nicht mit den feinen und oft überraschenden Geschmackskombinationen, die uns in den historischen Quellen begegnen. Süß und salzig wurden selbstverständlich kombiniert. Gewürze spielten eine weit größere Rolle als die meisten Menschen vermuten. Fleischgerichte konnten mit Honig, Trockenfrüchten oder Gewürzen serviert werden, die wir heute eher mit Weihnachtsgebäck verbinden würden. Die Trennung zwischen Hauptspeise und Dessert, die uns heute selbstverständlich erscheint, war deutlich weniger ausgeprägt.
Besonders spannend ist dabei die Rolle der Gewürze. Pfeffer, Zimt, Muskat, Nelken oder Safran waren keineswegs bloße Zutaten. Sie waren Luxusgüter. Sie erzählten von Handelswegen, von Reichtum und von einer Welt, die bereits viel stärker miteinander verbunden war, als wir oft annehmen. Manche dieser Gewürze hatten eine längere Reise hinter sich als die meisten Menschen ihrer Zeit. Wer sie verwendete, zeigte damit nicht nur Geschmack, sondern auch Wohlstand.
Während unserer früheren Seminarwochen waren viele Teilnehmer verblüfft, wie elegant und ausgewogen manche dieser Gerichte schmeckten. Statt grober Deftigkeit begegneten ihnen feine Aromen, ungewöhnliche Kombinationen und eine Küche, die oft überraschend modern wirkte. Einige Rezepte erschienen zunächst fremd, andere dagegen so selbstverständlich, dass man kaum glauben konnte, dass sie mehrere Jahrhunderte alt waren.
Gerade deshalb eignet sich die Küche so gut als Zugang zur Geschichte. Sie erzählt von Handelswegen, von gesellschaftlichen Unterschieden, von religiösen Vorstellungen und von den Möglichkeiten einer Zeit. Ein Gericht verrät oft mehr über eine Epoche als eine Liste von Jahreszahlen. Wer verstehen möchte, wie Menschen dachten, sollte nicht nur ihre Bücher betrachten, sondern auch ihre Tische.
In unserer Herbstwoche 2026 beschäftigen wir uns deshalb nicht nur mit dem Mittelalter, sondern auch mit der Renaissance. Und damit wird die Geschichte noch spannender. Neue Ideen entstehen, alte Weltbilder geraten ins Wanken, neue Handelswege öffnen sich und langsam verändern sich auch die Geschmäcker. Die Menschen beginnen, die Welt anders zu sehen. Und wie so oft in der Geschichte zeigen sich große Veränderungen zuerst dort, wo man sie am wenigsten erwartet: in den Küchen, auf den Märkten und auf den Tellern.
Vielleicht liegt gerade darin eine der schönsten Seiten historischer Küche. Sie macht Geschichte unmittelbar erfahrbar. Man liest nicht nur über vergangene Zeiten. Man riecht sie, schmeckt sie und beginnt zu verstehen, dass die Menschen vergangener Jahrhunderte oft viel raffinierter, neugieriger und weltoffener waren, als unsere modernen Klischees vermuten lassen.
Das Mittelalter schmeckte nicht nach Bier und Schweinshaxe.
Zumindest nicht nur.
Wer sich auf diese Entdeckungsreise einlässt, begegnet einer Welt voller überraschender Aromen, unerwarteter Geschichten und ungewohnter Perspektiven. Einige dieser Gerichte werden uns auch während unserer Herbstwoche in Umbrien begleiten. Nicht als Museumsstücke oder historische Kuriositäten, sondern als lebendige Zeugnisse einer Zeit, die uns bis heute mehr zu erzählen hat, als wir oft vermuten.
Manche Geschichten lassen sich besonders gut an einem gedeckten Tisch erzählen.